Martin-Niemöller-Stiftung

Artikel vom 7. 4. 2008

Beispiele von Dachauer Häftlingssolidarität in der Gewissensbildung am authentischen Ort

Von Björn Mensing

Beitrag von Dr. Björn Mensing zur Tagung »Gegen den Strom. Gewissensentscheidungen in der NS-Zeit und heute - Tagung der Martin-Niemöller-Stiftung vom 21.-23.9.2007 in der Versöhnungskirche Dachau«

1. Gewissensbildung am Ort der Gewissenlosigkeit? – Interdisziplinäre Denkanstöße

 

Viele Nationalsozialisten hatten bei der Durchführung ihrer Verbrechen im KZ Dachau und an all den anderen Orten des Terrors ein „gutes Gewissen“ – und spürten auch später keinerlei Schuldgefühle oder Gewissensbisse. Deren höchst problematische Gewissensinhalte, die heute allgemein als Gewissenlosigkeit verurteilt werden, schärfen den Blick dafür, dass das Gewissen keine unveränderlichen Normen enthält. Gerade deshalb ist dessen Bildung im Sinne des „Nie wieder“ von Brutalität und ideologisch begründeter Menschenverachtung von eminenter ethisch-pädagogischer Bedeutung. Der Sozialethiker Hartmut Kreß verweist im Blick auf den „anthropologischen Stellenwert des Phänomens des Gewissens“ auf die hohe Verantwortung aller an der Bildung des Gewissens Beteiligter: „Weil die Inhalte des individuellen Gewissens biografischen und kulturellen Prägungen unterliegen, besteht für die Familie und für das Schul- und Bildungssystem eine ganz herausragende Aufgabe darin, für eine humane Gewissensbildung und Werte-Erziehung junger Menschen Sorge zu tragen. [...]. Durch das Gewissen gelangen die personale Identität, die sittliche (Selbst-)Verpflichtung von Menschen und letztlich die Würde des Menschseins zum Ausdruck.“[i]

 

Es fällt auf, wie wenig der Frage der Gewissensbildung im aktuellen Diskurs über eine angemessene Gedenkstättenpädagogik bisher nachgegangen wird. Allerdings hat der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik jüngst eine bemerkenswerte These zur „Erziehung nach Auschwitz“ zur Diskussion gestellt: „Zeitgeschichtliche Bildung in menschenrechtlicher Absicht setzt eine geklärte moralphilosophische Begründung voraus. [...]. Deshalb ist es unerlässlich, zunächst nach individueller und kollektiver Schuld, nach dem Unterschied von Haftung und Verantwortung sowie nach jenen moralischen und politischen Pflichten zu fragen, welche die Übernahme staatsbürgerlicher Verantwortung nach sich ziehen. Historische Bildung ohne klares moralphilosophisches Fundament schadet eher, als dass sie nützt.“[ii]

 

Eine der Hauptaufgaben der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau ist die Führung von Schulklassen und Jugendgruppen aus dem In- und Ausland über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers.[iii] Wir verstehen die Führungen, bei denen hauptamtliche Teammitglieder jährlich fast 300 Gruppen mit insgesamt etwa 7500 Teilnehmenden zwei bis drei Stunden lang begleiten, auch als Beitrag zur Gewissensbildung.

 

Im inhaltlichen Mittelpunkt unserer Führungen stehen die Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau. Es geht dabei unter anderem um die Folgen, die der Terror der SS für die sozialen Beziehungen zwischen den Häftlingen hatte. Autobiographische Berichte – auch wenn manche heroisierende Legenden enthalten – und differenzierte Forschungen zeigen, dass es eine geschlossene Solidargemeinschaft der Häftlinge als Gegenüber zur SS-Wachmannschaft nicht gab. Wolfgang Sofsky beschreibt in seiner soziologischen Analyse der Konzentrationslager die sozialen Strukturen in der „Häftlingsgesellschaft“ folgendermaßen: „Die Welt des normalen Häftlings war bestimmt durch die Zwänge der individuellen Selbsterhaltung. Zwar gab es Beispiele für Solidarität und Unterstützung, gespeist von politischen oder religiösen Überzeugungen, von Gefühlen nationaler Zusammengehörigkeit oder einfach von Mitmenschlichkeit. Gleichwohl darf das Ausmaß der Brüderlichkeit und Kameradschaft nicht überschätzt werden. Von einer Leidensgemeinschaft kann keine Rede sein. [...]. Hunger, Elend und Vernichtungsdruck zerstörten die sozialen Beziehungen und hetzten die Menschen gegeneinander. [...]. Absolute Macht verschlägt den Menschen in einen Zustand, wo letztlich das Recht des Stärkeren den Ausschlag gibt.“[iv] Sofsky bezeichnet diese Folgen als eine Dissoziation unter den Häftlingen, der Dachau-Überlebende und Historiker Hermann Langbein sprach von einer drohenden Demoralisation[v]. Wie sich diese auswirkte, beschreibt eine Episode aus dem Krankenrevier, die der luxemburgische Priester Jean Bernard, 1941/42 politischer Häftling im KZ Dachau, in seinen Erinnerungen schildert: „An jenem Abend riß mein Nachbar sich dauernd die Verbände auf. Der Geruch war einfach nicht mehr auszuhalten. Dabei war es heiß auf der obersten Etage der Betten. Was half es schon, daß alle ringsum schimpften und drohten? In der Nacht schien es mir, als mache sich jemand bei meinem Nachbarn zu schaffen. Ich nahm mein Brot an mich und sicherte es unter der Decke. Dann schlief ich wieder ein. Am Morgen war mein Nachbar tot. Ein schrecklicher Verdacht stieg in mir auf. Ein Blick des Mannes gegenüber gab mir die Gewißheit: Es war der Blick eines Irren. Er hatte meinen Nachbarn erwürgt. War es, weil er den schrecklichen Geruch nicht mehr ertragen konnte? Oder ging es um das Brot? – Letzteres war jedenfalls verschwunden. Ich sagte nichts. Was hätte es genutzt? Der Verdacht wäre gar noch auf mich gefallen. Und – soll ich es gestehen? Ich war heimlich froh, den entsetzlichen Nachbarn los zu sein ...“[vi]. Es geht bei Führungen auch darum, zu vermitteln, was die SS den Häftlingen mit dieser Demoralisation zugefügt hat. Zahlreiche überlebende KZ-Häftlinge machten sich noch über Jahre und Jahrzehnte Vorwürfe im Blick auf fehlendes Mitgefühl oder unterlassene Hilfe für leidende Mithäftlinge – auch wenn sie faktisch in der Zwangslage keine Handlungsspielräume hatten und somit objektiv keine Schuld am Tod der Mithäftlinge tragen. Der Psychotherapeut Jürgen Müller-Hohagen sieht darin „eine der perfiden Folgen der Nazi-Verfolgung“: „Die Davongekommenen warfen sich dann noch vor, überlebt zu haben – wieso aber Millionen von Leidensgenossen nicht? [...]. Indem jemand sich zusätzliche Nahrung oder eine andere Arbeit verschaffte, es hinbekam, von einer Liste gestrichen zu werden, war jemand anderes dem Tod näher gebracht. Die unzählig vielen Winzigkeiten, die zur eigenen Rettung beitrugen, mochten für andere den Untergang bedeuten. [...]. Wie sollte man unter solchen Bedingungen ethisch und moralisch integer bleiben?“[vii] Manche KZ-Überlebende trieb diese, in der Forschung so genannte „Überlebendenschuld“ in den Suizid. Aber auch bei Häftlingen, die reale Schuld auf sich geladen haben, wie der „Irre“ in Jean Bernards zitierter Episode oder einzelne Funktionshäftlinge, gilt es, Teilnehmenden von Führungen zu vermitteln, dass diese Schuld sich gänzlich unterscheidet von der Schuld derer, welche als NS-Täter Terror und Vernichtung verantworteten, durchführten, organisierten und guthießen. Jedes vorschnelle moralische Urteil über in Schuld verstrickte oder unsolidarische Häftlinge sollte durch die selbstkritische Rückfrage (in die sich der Referent einschließt), wie man sich selbst wohl in einer solchen Extremsituation verhalten hätte, vermieden werden. Schon eine angebahnte Einsicht in das gängige „Jeder ist sich selbst der Nächste“ kann Zweifel an eigenen bisherigen Orientierungen auslösen und so zur Gewissensbildung beitragen; ebenso wie das Einüben von Empathie mit den leidenden ausgegrenzten Menschen in der NS-Zeit und mit den überlebenden Häftlingen, die auch noch von Schuldgefühlen geplagt werden.

 

Noch wichtiger für die Gewissensbildung am authentischen Ort sind wohl die positiven Beispiele von Solidarität und Widerstand unter den Häftlingen, die den Jugendlichen andere, humane Orientierungen aufzeigen und so zu gewissenhaftem Handeln motivieren können, das die durchschnittliche Erwartung übersteigt. Für den Soziologen Zygmunt Baumann belegen diese Beispiele, „dass der Selbsterhaltungstrieb die moralische Pflicht nicht notwendigerweise besiegt. [...]. Die Tatsache, dass einige wenige widerstanden, entkräftet die Logik der Selbsterhaltung und beweist, dass es immer Entscheidungsmöglichkeiten gibt.“[viii] Wolfgang Sofsky verkennt diese Bedeutung, wenn er Akte der Solidarität unter den Häftlingen als „instrumentelle Freundschaften“ und „egoistische Strategien der Wechselseitigkeit“[ix] wertet. Der Historiker Jürgen Zarusky hält dem in seiner Studie über den Widerstand von Häftlingen im KZ Dachau entgegen: „Und schließlich widerstanden viele Häftlinge trotz des massiven Anpassungsdrucks und einer scheinbar aussichtslosen Lage der Versuchung der Demoralisierung. Politisches Bewusstsein sowie kulturelle und religiöse Aktivitäten spielten dafür eine wichtige Rolle.“[x] Hermann Langbein sah die Bedeutung dieses Widerstandes für die daran beteiligten KZ-Häftlinge, zu denen er selbst gehörte, besonders in der moralischen Selbstbehauptung, in der Wahrung der Selbstachtung: „[...] wir lassen uns nicht zerbrechen, wir nehmen bewußt zusätzliche Gefahren auf uns, um als Subjekte handelnd vor uns selbst bestehen zu können. Wir lassen uns nicht die natürlichen menschlichen Gefühle rauben.“[xi] Solche Häftlinge können zu Vorbildern für Zivilcourage und Mitmenschlichkeit werden. Der Religionspädagoge Jörg Thierfelder grenzt eine moderne Vorbildpädagogik von Idealisierungen der Vorbilder und von moralischem Leistungsdruck auf die Jugendlichen ab: „Wenn wir uns heute an Vorbilder erinnern, dann deshalb, weil Vorbilder Mut machen können, inspirieren können. Sie zeigen, dass auch in der Nazizeit, von der es immer heißt, man habe doch nichts machen können, Menschen tatsächlich etwas machen konnten.“[xii]

 

 

2. Beispiele von Häftlingssolidarität aus der Praxis

 

An unterschiedlichen Punkten des Rundgangs durch die KZ-Gedenkstätte Dachau lassen sich Hinweise auf Häftlingssolidarität einbauen.[xiii] Die folgenden Beispiele stellen exemplarisch einige Aktionen vor. Die Auswahl ist eher zufällig und stellt auch nicht alle Formen von solidarischem Handeln dar.

 

Fritz Grünbaum ist mit einer Kurzbiographie im ehemaligen Schubraum porträtiert. Der 1880 im mährischen Brünn geborene Sohn eines jüdischen Kunsthändlers machte nach einem Jurastudium in Wien eine glänzende Karriere als ungemein vielseitiger Kabarettist, Operetten-, Revue- und Drehbuchautor, Bühnen- und Filmschauspieler – er stand gemeinsam mit Heinz Rühmann vor der Kamera. Schon 1907 kam es bei einem Auftritt Grünbaums als Conférencier des Kabaretts „Hölle“ zu antisemitischen Ausfällen eines jungen Offiziers in der ersten Reihe, den der Geschmähte dafür umgehend ohrfeigte. Im gleichen Jahr gelang dem jungen Künstler der Sprung nach Berlin. 1910 kehrte er nach Wien zurück. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und wurde Offizier. Unter dem Eindruck von schrecklichen Erlebnissen an der Front wurde er zum Pazifisten. Seine in dieser Zeit entstandenen anklagenden Gedichte konnten aus Zensurgründen erst nach dem Krieg veröffentlicht werden. In den Zwanziger Jahren war er in Wien und Berlin einer der Stars des literarisch-politischen Kabaretts. Auch in München, Frankfurt, Leipzig, Prag und Karlsbad feierte er große Erfolge. Politisch bezog er 1927 mit der Unterzeichnung eines Wahlaufrufs in der sozialdemokratischen „Arbeiter-Zeitung“ Stellung. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in Deutschland konnte Grünbaum als jüdischer Künstler dort nicht mehr auftreten. Grünbaum und seine Freunde reagierten mit dezidiert politischen Kabarettprogrammen in Wien. Im Juni 1934 hetzte das Nazi-Blatt „Der Stürmer“ aus Nürnberg mit übelsten Diffamierungen gegen Grünberg. Seinen Erfolgen in Wien tat das keinen Abbruch. Grünberg fühlte sich in Wien sicher und bezog weiterhin politisch Position gegen die Nazis. Legendär war sein Kommentar bei einem Stromausfall: „Ich sehe gar nichts, absolut nichts, da muß ich mich in die nationalsozialistische Kultur verirrt haben.“[xiv] Am 29. Februar 1938 hatte seine letzte große Revue Premiere. Knapp zwei Wochen später endete am 10. März mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich seine glanzvolle Karriere; danach durfte er auch in Österreich die Bühne nicht mehr betreten. Fritz Grünbaum und seiner Frau Lilly missglückte am 11. März die versuchte Flucht in die Tschechoslowakei. Grünbaum konnte zunächst in Wien untertauchen. Noch im März 1938 verhaftete die Gestapo Fritz Grünbaum aus politischen Gründen – und vermeldete dies triumphierend im „Völkischen Beobachter“. Seine Frau wurde wenig später aus der gemeinsamen Wohnung vertrieben, diese mitsamt der wertvollen Kunstsammlung „arisiert“. Die ersten Haftwochen war Fritz Grünbaum in Wiener Gefängnisse eingesperrt. Dann wurde er mit anderen österreichischen Nazi-Gegnern ins KZ Dachau verschleppt. Nach den Demütigungen und Quälereien – Grünbaum hatte wegen seiner jüdischen Herkunft besonders zu leiden – wurde ihm im Schubraum von der SS alles genommen, schließlich sogar der Name. Er war jetzt nur noch Schutzhäftling 14178. Die beiden Fotos in der Dauerausstellung zeigen Fritz Grünbaum um 1930 elegant gekleidet und Ende Juni 1938 kahlgeschoren und ausgemergelt nach knapp drei Monaten KZ-Haft. Das Foto war zu antisemitischen Propagandazwecken angefertigt worden, strahlt aber abgeklärten Schmerz und unbeugsame Würde aus. Grünberg reagierte mit geistreicher Satire auf die mörderischen Haftbedingungen und brachte die Mithäftlinge zum Lachen: „der völlige Mangel und das systematische Hungern [ist] das beste Mittel gegen die Zuckerkrankheit“. Als ein SS-Mann ihm ein erbetenes Stück Seife verwehrte, kommentierte er dies ironisch: „Wer für Seife kein Geld hat, soll sich kein KZ halten.“

An dieser Stelle meiner kurzen biographischen Vorstellung Fritz Grünbaums zeige ich durch die Fenster des Schubraumes auf eine der beiden rekonstruierten Häftlingsbaracken und schildere, wie der Österreicher zu Silvester 1940 – obwohl seine Gesundheit schon stark angegriffen war – vor seinen Kameraden auftrat. Als man ihn als den prominenten Conférencier Fritz Grünbaum angekündigte, widersprach er: „Ich bitt’ euch, nicht der Fritz Grünbaum spricht zu euch, sondern nur eine Nummer ... (und er nannte seine Lagernummer), die euch am letzten Tag des Jahres ein wenig Freude machen will.“ Der Mithäftling Karl Schnog schildert auch den weiteren Auftritt: „Es war wie ein Wunder: Der zermürbte kleine Mann lebte auf, wurde temperamentvoll und witzig wie einst und sprach, spielte, sprudelte Versscherzchen [...]. Dann erzählte er noch ein paar derbe Witze und – fiel wieder in sich zusammen.“ Er hatte noch einmal seinen Kameraden dazu verholfen, dass sie über ihre Peiniger lachen konnten. Für Fritz Grünbaum und seine Mithäftlinge war dies ein Moment, in dem sie sich innerlich – und zumindest für kurze Zeit auch äußerlich – aufrichten konnten. Bald darauf erfolgte aber der völlige Zusammenbruch. Entkräftet durch Krankheiten und zermürbt von Demütigungen und Misshandlungen starb Fritz Grünbaum am 14. Januar 1941 im KZ Dachau.

 

Im ehemaligen Häftlingsbad steht ein Prügelbock. Wenn hier darüber berichtet wird, wie die SS-Führung im August 1942 zur weiteren Demoralisierung der Häftlinge anordnete, dass die Prügelstrafe durch Häftlinge zu vollziehen sei, sollte auch von Karl Wagner gesprochen werden. Der kommunistische Kunststeinarbeiter aus Württemberg, Jahrgang 1909, war schon am 25. März 1933 in das KZ Heuberg verschleppt worden. Er ließ sich aber nicht einschüchtern und nahm nach der Entlassung im Juli 1933 seine politische Tätigkeit wieder auf. Schon im Oktober 1934 folgte die zweite Verhaftung. Wagner konnte aus dem Gefängnis fliehen und organisierte die illegale „Rote Hilfe“. Nach der dritten Verhaftung 1935 führte sein Weg über das Gefängnis in Ulm und über das Emsland-KZ Börgermoor ins KZ Dachau. Hier gehörte er bald nach seiner Einlieferung im Dezember 1936 zu den leitenden Kommunisten und wurde Funktionshäftling. Als Lagerältester des Außenlagers in München-Allach weigerte er sich im Sommer 1943 vor den auf dem Appellplatz angetretenen SS-Mannschaften und den Mithäftlingen, den Befehl des brutalen Lagerführers Josef Jarolin zur Vollstreckung der Prügelstrafe an einem Mithäftling auszuführen. Karl Wagner schilderte die Befehlsverweigerung in seinen Erinnerungen: „Ich hatte keine andere Wahl, ich musste mich bei Jarolin melden. Dieser hatte in der Zwischenzeit den gefürchteten Bock herbeischaffen lassen. Ein sowjetischer Häftling wurde aufgeschnallt. Jarolin gab mir Befehl: ,Schlagen!‘ Ich antwortete: ,Ich schlage nicht!‘ Jarolin: ,Warum schlägst Du nicht?‘ Meine Antwort: ,Ich kann nicht schlagen!‘ Nun probierte es Jarolin mit dem Zuckerbrot: ,Versuch's, befahl er. Meine erneute Antwort: ,Ich schlage nicht!‘ Jetzt spielte Jarolin den wilden Mann, zog die Pistole und brüllte: ,Du Kommunistenschwein, das habe ich doch gewusst!‘ In diesem Moment rechnete ich damit, abgeknallt zu werden. Ich riss meine Lagerältestenbinde vom Arm und warf sie auf den Boden. Jarolin aber drückte nicht ab, er gab lediglich den Befehl, mich abzuführen.“[xv]

Karl Wagner wurde mit fünf Tagen Arrest in Allach, sechs Wochen Dunkelhaft im „Bunker“ des Stammlagers Dachau und 25 Stockhieben bestraft. Unter den Häftlingen sprach sich Wagners mutige Verweigerung rasch herum. Edgar Kupfer-Koberwitz notierte in seinem illegalen Tagebuch: „Endlich wieder einmal einer, der sich wie ein Mann benimmt und wie ein Mensch.“[xvi] Wagner wurde 1944 ins KZ Buchenwald verlegt, wo er im April 1945 von amerikanischen Truppen befreit wurde. Er blieb sein Leben lang aktiver Kommunist, ab 1968 in der DKP.

Als Karl Wagner Jahrzehnte später von Studenten darauf angesprochen wurde, wie er nur den Mut zu seiner Verweigerung aufgebracht habe, sagte er ohne jede Selbststilisierung, dass er eben den Mithäftling nicht schlagen konnte und damit gerechnet habe, die ihm drohenden schweren Strafen zu überleben[xvii] – Wagner wusste, dass die SS-Führung die KZ-Kommandanten 1942/43 angewiesen hatte, die Arbeitskraft der „nützlichen“ Häftlinge nicht mehr unnötig zu zerstören, weil diese im totalen Krieg als Sklavenarbeiter für die deutsche Rüstungsindustrie benötigt wurden. Einen sicheren Schutz der Häftlinge vor Ermordung durch SS-Leute bedeuteten diese Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Arbeitskraft allerdings zu keiner Zeit.

 

In der rekonstruierten Häftlingsbaracke lässt sich gut über die Freigebigkeit von Edgar Kupfer-Koberwitz, Jahrgang 1906, berichten. Er war 1940 wegen kritischer Äußerungen über das NS-Regime von Italien, wo er im Auftrag eines deutschen Touristikunternehmens auf der Insel Ischia gearbeitet hatte, nach Deutschland ausgeliefert worden. Im November 1942 erhielt er im KZ Dachau erstmals ein Paket von zu Hause: „Von den Keks [sic!] und dem Gebäck gab ich den Kameraden, jedem, den ich etwas besser kannte, mit etwas Orangenmarmelade darauf. – Jeder durfte auch eine Feige essen. – [...] alle [waren] so froh, einmal einen anderen Geschmack im Munde zu haben, – vor allem etwas Süsses [sic!].“[xviii]

 

Auf der Lagerstraße am ehemaligen Infektionsblock 7 ist von Rudolf Císař, Jahrgang 1904, zu sprechen. Der tschechische politische Häftling, der vor seiner Verhaftung 1942 Leiter der Widerstandsorganisation RUDA gewesen war, kam über das KZ Mauthausen im Herbst 1942 nach Dachau und war in diesem Infektionsblock als Pfleger eingesetzt. Während der Typhusepidemie 1943 nahm er über Maria Weber, eine Zivilangestellte auf der „Plantage“, illegal Verbindung mit seiner noch intakten, nicht enttarnten Widerstandsgruppe auf. Diese konnte den Leiter des Gesundheitsamtes und mehrere Apotheken in Prag dafür gewinnen, große Medikamentenmengen und schließlich sogar ein Gerät für die Tbc-Behandlung nach Dachau zu schicken. Damit konnte Císař mehreren Mithäftlingen das Leben retten – und wurde dabei von der SS-Lagerleitung nicht entdeckt, da der SS-Chefarzt ihn stillschweigend deckte. Im Herbst 1944 wurde Císař zu Gestapo-Verhören nach Prag verlegt und kehrte nicht mehr nach Dachau zurück.[xix]

 

Am Ende der Lagerstraße, am ehemaligen Block 30, im Zweiten Weltkrieg einer der drei Pfarrerblocks, kann man eine Episode aus Jean Bernards Erinnerungen weitergeben. Der luxemburgische Priester, Jahrgang 1907, hatte im Februar 1942 überraschend zehn Tage Hafturlaub erhalten. Bei der Rückkehr ins KZ nahm er für seinen Freund Batty Esch ein „mächtiges Schinkenbrot“ mit – und eine Schachtel Zigarillos zur Bestechung des SS-Manns bei der Abgabe seiner zivilen Habseligkeiten: „Glücklicherweise finde ich meinen alten Platz wieder, bei Batty Esch, Block 30, Stube 1. Batty verschwindet sofort mit dem Schinkenbrot in einer Ecke und kommt erst wieder, wie auch die letzte Krume verschwunden ist.“[xx]

 

Dr. phil. Björn Mensing M.A.,

Theologe und Historiker, seit 2005 Pfarrer an der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, Mitglied im Vorstand der Martin-Niemöller-Stiftung

 



[i] Hartmut Kreß: Gewissen. In: Evangelisches Soziallexikon. Neuausgabe, Stuttgart 2001, Sp. 617-622; Zitate Sp. 620 (Abkürzungen sind aufgelöst; Hervorhebung im Text durch B.M.).

[ii] Micha Brumlik: Zeitgeschichtliche Bildung in menschenrechtlicher Absicht. Einführende Thesen. In: Der Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus. Perspektiven des Erinnerns. Dokumentation Gesprächsreihe im Rahmen der Projektvorbereitung für ein NS-Dokumentationszentrum in München. Hg. von der Landeshauptstadt München, Kulturreferat, München 2007, S. 34-36; Zitat S. 34 (Statement bei einem Podiumsgespräch in München am 20. Juli 2005). Diese zweite von insgesamt acht Thesen Brumliks wurde in der anschließenden Diskussion kaum aufgegriffen; vgl. Ebd., S. 37-54.

[iii] Zur Arbeit im Umfeld der 1967 eingeweihten Versöhnungskirche vgl. Sabine Gerhardus/Björn Mensing (Hg.): Namen statt Nummern. Dachauer Lebensbilder und Erinnerungsarbeit, Leipzig 2007.

[iv] Wolfgang Sofsky: Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager, 5. Auflage, Frankfurt/Main 2004, S. 189 f.

[v] Hermann Langbein: ... nicht wie die Schafe zur Schlachtbank. Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945, Frankfurt/Main 1980.

[vi] Jean Bernard: Pfarrerblock 25487. Dachau 1941-42. 4. Auflage, Luxemburg 2004, S. 173 f.

[vii] Jürgen Müller-Hohagen: Verleugnet, verdrängt, verschwiegen. Seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und Wege zu ihrer Überwindung, München 2005, S. 192 f.

[viii] Zitiert nach Müller-Hohagen, S. 301.

[ix] Sofsky, S. 185.

[x] Jürgen Zarusky: „... gegen die Tötung der Menschen und die Abtötung alles Menschlichen“. Zum Widerstand von Häftlingen im KZ Dachau. In: Johannes Tuchel (Hg.): Der vergessene Widerstand. Zu Realgeschichte und Wahrnehmung des Kampfes gegen die NS-Diktatur (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte. Band 5), Göttingen 2005, S. 63-96; Zitat S. 66.

[xi] Zitiert nach Zarusky, S. 88.

[xii] Björn Mensing/Jörg Thierfelder in Zusammenarbeit mit Barbara Fox-von Thadden und Joachim Perels: Vorbilder für Zivilcourage. In: Glaube und Lernen. Theologie interdisziplinär und praktisch. 22. Jahrgang. Heft 1/2007 Thema: Lernort Geschichte, Göttingen 2007, S. 58-69; Zitat aus der Einführung von J. Thierfelder, S. 59.

[xiii] In der 2003 eröffneten neuen Dauerausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau werden in den Abteilungen 6.8, 7.18, 11.5 und 12.3 Selbstbehauptung, Solidarität und Widerstand der Häftlinge thematisiert; vgl. Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1945. Text- und Bilddokumente zur Ausstellung, mit CD, Dachau 2005 (der Katalog ist in der KZ-Gedenkstätte auch in Englisch, Französisch und Italienisch erhältlich).

[xiv] Marie-Theres Arnbom: „Grüß mich Gott!“ (veröffentlicht am 5.1.2005 auf der Homepage des österreichischen Koordinierungsrates für christlich-jüdische Zusammenarbeit unter www.christenundjuden.org/de/?item321; Textstand 4.12.2007); diesem Text der Wiener Historikerin Arnhom sind auch die weiteren Zitate von Fritz Grünbaum entnommen. Vgl. auch Marie-Theres Arnbom/Christoph Wagner-Trenkwitz (Hg.): „Grüß mich Gott!“. Fritz Grünbaum. Eine Biographie 1880-1941, Wien 2005.

[xv] Karl Wagner: Ich schlage nicht. Beitrag zur Geschichte des Antifaschistischen Widerstands im KZ-Außenlager Dachau-Allach, Karlsruhe 1980 (zitiere posthume Neuauflage 2005, S. 22 – der Autor starb am 8.10.1983).

[xvi] Edgar Kupfer-Koberwitz: Dachauer Tagebücher. Die Aufzeichnungen des Häftlings 24814. Mit einem Vorwort von Barbara Distel, München 1997, S. 143 (Eintrag 7.8.1943); vgl. zu Wagner auch Zarusky, S. 81 f.

[xvii] Mündlicher Bericht von Prof. Dr. Renate Wind, die Karl Wagner als Studentin besucht hatte, Dachau, 19.1.2006.

[xviii] Kupfer-Koberwitz, S. 34 (Eintrag 22.11.1942); der Autor überlebte das KZ und starb 1991 bei Stuttgart.

[xix] Stanislav Zámečník: Das war Dachau, Luxemburg 2002, S. 321-323; R. Císař überlebte die NS-Herrschaft und starb 1985.

[xx] Bernard, S. 111; der Autor überlebte das KZ und starb 1994 in Luxemburg. Vgl. zu Bernards „Hafturlaub“ auch Jürgen Haase/Léon Zeches (Hg.): Der neunte Tag. Pfarrerblock 25487. Das Buch zum Film des Oscar-Preisträgers Volker Schlöndorff, Luxemburg 2004.

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