Martin-Niemöller-Stiftung

Artikel vom 7. 4. 2008

Von der Veräußerung der Welt - Wie die Medien das Leben verändern

von Johanna Haberer

Beitrag von Prof. Johanna Haberer zur Tagung »Gegen den Strom. Gewissensentscheidungen in der NS-Zeit und heute - Tagung der Martin-Niemöller-Stiftung vom 21.-23.9.2007 in der Versöhnungskirche Dachau«

Medien haben schon immer das Leben der Menschen verändert. Die Schrift zu allererst, die Möglichkeit, Gedanken und Ideen von Personen unabhängig zu speichern und zu transportieren, von Generation zu Generation, und dann die Möglichkeit, das in der Schrift bewahrte Gedächtnis unzählige Male zu vervielfältigen und zu verbreiten.  Es war der Buchdruck, der die Reformation möglich machte, der das Leben der Menschen veränderte, sie aus der Unmündigkeit zu befreien begann, indem er sie in die Lage versetzte, sich zum Thema Glauben eine eigene Meinung zu bilden. Buchdruck machte die Reformation möglich, natürlich auch die Gegenreformation. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ – Martin Luther berief sich auf sein Gewissen, hatte eine definierte Position, die eine Minderheitenposition war, die jedoch durch Veröffentlichung mehrheitsfähig wurde.

Kann man in der heutigen Gesellschaft, in der Medien in der europäischen Perspektive im Wesentlichen und überwiegend als ein Wirtschaftsgut und nicht mehr, wie im Nachkriegsdeutschland gepflegt und hochgehalten, als ein Kulturgut verhandelt werden, Medien für das Gewissensbildung in Anspruch nehmen? Handelt es sich bei der heutigen Medienvielfalt nicht vielmehr um einen riesigen Kiosk des Allerlei und des Einerlei bei dem der ökonomische Nutzen von Nachrichten, Geschichten, Storys und Bildern in einem mörderischen Wettbewerb im Vordergrund steht. Ist die Zeit, in der Deutschland kriegstraumatisiert nach einer medialen Einübung in die Demokratie, nach einer medialen Bildung, die Gewissensbildung miteinschließen sollte, rief, ist diese Zeit nicht lange vorbei? Und wird es nicht beinahe als anachronistisch kommentiert, wenn das Bundesverfassungsgericht am 11. September 2007 noch einmal mehr eine Bestands- und Entwicklungsgarantie des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems ausgesprochen hat, in einer Zeit, wo anderwärts genau ein solches System, das mit einem gemeinwohlorientierten Programmauftrag ausgestattet ist, als rundfunkrechtlicher Dinosaurier gilt?

Die Süddeutsche Zeitung hat in ihrer Wochenendausgabe Anfang September eine Deutschlandtour ganz besonderer, ganz anderer Art vorgestellt: Eine Reise durch die Spartensender der neuen digitalen Welt, von denen man deutschlandweit heute rund hundert, weltweit bald tausende empfangen können wird: Da gibt es Sendungen von Tiertelepathinnen auf Tier TV, die den Zuschauern empfehlen, sich bei ihrem Hund zu entschuldigen, oder die 24-Stunden-Volksmusik, das Gebrauchtwagen TV, der Schmuckkanal, Koch TV, Senioren TV, ja auch Bibel TV, wo überwiegend Produkte aus dem amerikanischen Markt laufen. Geht es da auch nur am Rande ums Gewissen, geht es da überhaupt noch um Qualität, zumal um journalistische Qualität? Da finanzieren sich Sender, die die Zuschauer irgendwelche Namen irgendwelcher Schauspieler raten lassen. Wer anruft, kann Geld gewinnen. Der Sender und die Telekom machen gemeinsam das Geschäft mit den Anrufen. Das sind Programme, da will niemand etwas, da hat niemand eine Botschaft, einen Auftrag, ein Ziel.

Noch schwieriger wird die Sache mit dem Gewissen, wenn man sich klar macht, wie die schöne neue Medienwelt sich auf das Leben und das Lebensgefühl von jungen Menschen auswirkt, wenn man sich klar macht, was Medien heute eigentlich heißt. Das heißt ja nicht: Wir empfangen drei öffentlich-rechtliche Programme, die überschaubar, überprüfbar und mit dem Programmauftrag ausgestattet sind, das demokratische Zusammenleben zu ermöglichen, die Bevölkerung mit allem zu versorgen, was sie wissen muss, also mit einem Grundversorgungsauftrag für den homo politicus – und mit den drei Säulen, die bis heute den Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders ausmachen: Information, Bildung Unterhaltung. Heute haben wir es mit zusammengewachsenen Plattformen zu tun. Medien bedeutet für einen jungen Menschen heute, dass er mit demselben Gerät fernsehen, Radio hören, im Internet surfen, fotografieren und filmen kann – zugleich kann man auch die eigenen Fotos und Filme verschicken und andere daran teilhaben lassen. Das Fernsehen und das Radio als Orte der Bildung stehen für Jugendliche weit hinten im Interesse, ebenso die Zeitung. Wer sich informieren will, holt sich die Nachrichten im Internet. Die Medien sind dabei, ihre integrative Wirkung für eine Gesellschaft zu verlieren. Wo man früher mit dem Thema einer gutgemachten Sendung ein Tagesgespräch auf die Agenda einer Gesellschaft setzen konnte, Themen anstoßen, ja vielleicht sogar Verhältnisse ändern konnte, ist man heute versucht, den Begriff Massenmedium nicht mehr in den Mund zu nehmen, da sich das Medienverhalten sowohl als Sender als auch als Empfänger radikal verändert.

Was bedeutet das für die heranwachsende Generation? Lassen Sie mich zum medialen Lebensgefühl der heranwachsenden Generation einige Gedanken formulieren: Bilder sind es, die die heranwachsende Generation in weit maßgeblicherer Weise prägen werden als die vorangegangenen Generationen. Es ist die Veräußerung der Welt, die ihren Fortschritt mit der zunehmenden Vernetzung nimmt. Es sind die Bilder, die Jugendliche von sich und anderen machen und ins Netz stellen, die sie ein Leben lang begleiten werden und derer sie – wie es derzeit aussieht – niemals Herr werden. Es sind die Bilder und deren fortschreitende Bearbeitung durch jedermann. Es sind die Bilder und die aussichtslose Suche nach dem Original, die künftige Generationen beschäftigen werden. Spock.com heißt die neue Suchmaschine, die den Alptraum für Datenschützer wahr werden lässt. Da werden Personenäußerungen gesammelt von Menschen, die sich nicht ausdrücklich dagegen verwahren. Diese Personenäußerungen sind für jeden erreichbar und einsehbar; eine Art Jüngstes Gericht, mit allem, was einer einmal selbst ins Netz gestellt hat, oder über ihn ins Netz gestellt wurde. Spätere Arbeitgeber, Partner, Liebhaber, Versicherungen und die Polizei werden die Jugendsünden der heutigen jungen Generation einsehen können. Es wird keine undokumentierten Jahre mehr geben, keine vergessenen Dummheiten. Die heute Heranwachsenden werden von ihren eigenen Bildern umstellt sein, sie werden im Netz lebenslang gespiegelt sein. Eine Verspiegelung der Welt findet statt, ohne Möglichkeit auf die Löschtaste zu drücken. Das Abschießen von Leuten, in dem man sie auf Bilder bannt, ist nicht nur eine Idee der Bild-Zeitung. Abschießen und veröffentlichen kann ein rachsüchtiger ehemaliger Liebhaber, ein betrunkener Arbeitskollege. Es sind die unendlichen Speicherkapazitäten eines unendlichen Netzes, das die Geschichte zur allmächtigen Gegenwart werden lässt, die der Generation, die jetzt groß wird, zukünftig zu schaffen machen werden. Die Gewissensentscheidung einzelner hat dann – wie das individualisierte Medienverhalten auch – in der Regel nur Auswirkungen auf andere einzelne. Ich entschließe mich, ein bestimmtes Bild nicht ins Netz zu stellen, weil es in Zukunft einem anderen schaden könnte. Mein Ich, meine Wünsche meine Sehnsüchte, mein Verbraucherverhalten ist für ewig in den Handydaten wie auf einer Payback-Karte gespeichert. Ich bin gezählt, verrechnet und auf meine Bedürfnisse hin registriert.

Dass das Leben eines Menschen in all seinen Variationen, mit all seinen geheimen Ecken und Winkeln bei Gott aufgehoben ist, das haben wir Theologen immer gepredigt und geglaubt. Das ist ein Traum von Geborgenheit. Der Traum, dass ein liebender Gott alles von mir weiß und es in Liebe anblickt und für sich behält und es äußerstenfalls in einer Art Bilanz mit einem teilt, nämlich mit mir. Dass das Leben der Menschen heute in all seinen geheimen Winkeln, möglicherweise, wahrscheinlicherweise ohne deren Wissen für andere abrufbar, zählbar, messbar, vermarktbar sein wird, das ist der Alptraum. Wir müssen das Netz das Vergessen lehren, fordern Medienwissenschaftler. Wer sollte das tun, wer sind wir und wer hätte daran letztlich ein Interesse?

Das unmenschliche Gedächtnis des Netzes, in dem die Subjekte Zeit ihres Lebens verstrickt sind. In diesem Lebensgefühl müssen künftige Generationen sich einrichten. Die veräußerte, verspiegelte Generation, die handliche Kleingeräte mit minimalem technischen Bedienungsaufwand mit sich herumtragen, die zugleich Telefon, Fotoapparat, Videogerät, Fernseher, Spielkonsole, Archiv, Web-Zugang, Radio und Musikträger sind. Sie sind vor allem Statussymbole und sie berichten von der endlosen Verfügbarkeit der kommenden Generationen. Es sind die Verfügbaren, über die künftige Arbeitgeber weltweit verfügen wollen. Es sind die multioptionalen Persönlichkeiten, die dem Wettbewerb nicht nur standhalten können, sondern ihm immer einen Schritt voraus sind. Die kompetitiven Persönlichkeiten. Menschen, deren Profil man am besten mit Wettbewerber beschreibt. Wer zur kompetitiven und kommunikativen Elite dazugehören will, hat das neueste Gerät, mit den umfassendsten Funktionen. Und es ist ein Irrtum zu meinen, die vielen unterschiedlichen Funktionen würden nicht abgerufen. Die jugendliche Kommunikationselite beherrscht die Wege und die Funktionen. Alle sind durch PIN-Codes gesichert, wir werden in einer Welt der anwachsenden Codes leben. Jeder zig Codes, die letztlich nichts schützen – die Vercodierung des Privatlebens und des Alltags.

Natürlich fördert die engmaschige Vernetzung von Menschen per Wort, Ton und Bild viele Eigenschaften, die junge Menschen sich heute antrainieren und die sie von den vorherigen Generationen unterscheiden: Es wachsen schnelle Menschen heran, mit hohen Bilderfassungskompetenzen, mit einer traumwandlerischen technischen Kompetenz, die aber in der Regel nicht mit einer Reflexion und Folgeabschätzung von Technik einhergeht. Es wachsen Menschen heran, die schlagfertig und sofort zu reagieren gelernt haben, die in der Lage sind, sich blitzschnell ein Bild von anderen zu machen, die eine Ausdrucksfähigkeit auf vielen Ebenen erworben haben. Es wachsen Menschen heran, die zugleich zu schnellen bildgesteuerten Urteilen neigen. Schnellurteile aufgrund von virtuellen Äußerungen, das kann eine Kompetenz sein, aber zugleich eine Gefahr. Schon jetzt kann virtuelles Mobbing das reale Leben Jugendlicher zur Hölle werden lassen. Es werden reaktionsschnelle Multitasking-Persönlichkeiten heranwachsen, die mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit erledigen und in hohem Maße auf ihre Intuition angewiesen sein werden. Persönlichkeiten, die intuitiv und ästhetisch lernen. Menschen, die sich in unterschiedlichen Zeichensystemen spielerisch verständigen können und bei denen sich die Sprachen, Schriftsprache, Lautsprache, Zeichensprache, Bildsprache vermischen werden. Im besten Fall wird der homo ludens, der kreative spielerische Mensch Konjunktur haben.

Zugleich entstehen kommunikative Klassensysteme. Wer die schnellsten und umfassendsten Kommunikationsmöglichkeiten besitzt, gehört zur Elite, verfügt über schnell zugängliche Kommunikationsressourcen. Und diese Klassenunterschiede zwischen der Kommunikationselite, die die finanziellen Ressourcen hat, ihren Kindern multifunktionale Handys zu finanzieren, und den anderen werden durch die Gesellschaft kaum einzuebnen sein. Es werden globale Kommunikationsklassen entstehen, die technische und mehrsprachige Kompetenzen von frühester Jugend an miteinander vereinigen.

Auch der Zugang zu Wissen ändert sich im Lebensgefühl Jugendlicher grundlegend. Wissen ist nicht ein zu erwerbendes Gut, sondern ein verfügbares und an der rechten Stelle zu findendes Gut. Das verschlagwortete Wissen wird anwachsen, die lexikalischen Kompetenzen. Der Weg zu selbst erarbeitetem, individuell vernetztem Wissen wird länger und schwieriger. Natürlich wird vieles auch leichter, zum Beispiel Originalzitate nachzuschlagen von einem Buch, das über Google aus der Universität in London eingesehen werden kann. Gerade im wissenschaftlichen Alltag wird der Austausch schneller, genauer und nachprüfbarer werden. Es wird allerdings eine Bildungsfrage der Zukunft sein, wo und wie Strukturwissen wachsen kann, wo analytische Fähigkeiten erworben werden können und Orientierungswissen angeeignet werden kann.

Und es wächst eine Generation heran, die um Konzentrationsmöglichkeiten kämpfen muss: Wie erreicht ein junger Mensch eine ungestörte Stunde oder wie erreicht er erst einmal das Bewusstsein, dass es gut, hilfreich und effektiv ist, einmal eine Stunde ungestört zu sein? Wie erreicht er das Bewusstsein, dass Schnelligkeit nicht alles ist, sondern manche Dinge Zeit brauchen, vor allem Gedanken, vor allem Reflexion, vor allem Orientierung und die Bildung eines Gewissens? Möglicherweise wird der aktuellen Kommunikationselite, die an den neuesten Netzen hängt, eine Kommunikationselite folgen, deren elitäres Bewusstsein darin besteht, dass man sich verweigert. Es wird spannend sein zu erproben, ob Verweigerung überhaupt möglich sein wird oder ob Verweigerung dieser Kommunikationskultur dann das Privileg der absoluten Oberklasse sein wird. Gesellschaftlich wird uns diese mediale Veräußerung der Welt total verändern: Heute schon bringen die Menschen in Deutschland zusammengezählt und akkumulierend gerechnet etwa zehn Stunden am Tag mit irgendwelchen Medien zu.

Allerdings werden durch diese individualisierten Medien Diktaturen löchrig. In manchen autoritären Systemen sind heute Blogger zum wichtigsten Sprachrohr der Opposition geworden: Publik-Forum berichtet in seiner Ausgabe vom 14. September 2007 über die politischen Auswirkungen des Internet und weist hin auf das Beispiel des iranischen Internet-Chronisten Hossein Derachschan: Er berichtet über Verhaftungen Oppositioneller, über korrupte Mullahs usw. Er hat allein eine Lesergemeinde von 40.000 Menschen. Jetzt musste er sein Land verlassen. Andererseits kooperiert Google mit der chinesischen Regierung beim Aufspüren von Regierungskritikern. Die Folgen sind zweischneidig, die Stärkung oppositioneller Bewegungen in autoritären Systemen ist das eine. Das andere: es bricht die Orientierung an einfachen Autoritäten zusammen, die früher oft als Vorbilder galten und an denen man sein Gewissen schärfte: Lehrer, Pfarrer, Ärzte, Journalisten, Professoren, Politiker, alle, die professionell und vorbildhaft mit Wissen und Erfahrung umgehen, sind einem Erosionsprozess ausgesetzt. An die Stelle von Autoritäten tritt das breit gestreute, selbst kontrollierbare Netzwerkerwissen. Dabei ist natürlich klar: Wer sein Wissen aus dem Internet bezieht, wird sich nicht gern mit dem auseinandersetzen, was der eigenen Meinung widerspricht. Die Erfahrung zeigt, dass die Offenheit und Meinungsvielfalt, die für alle im Netz erreichbar ist, in der Regel in engere Meinungsnischen führt als die Zeitungslektüre, die den Leser hoffentlich bisweilen erregt, weil er Meinungen liest, die nicht seine sind. Das weltweite Netz, so vermuten viele Kommunikationswissenschaftler, erweitert nicht den Horizont des Einzelnen, sondern vergrößert die Gruppen der Nischendenker, erodiert die Autoritäten und wirft die Gewissensbildung der einzelnen auf den einzelnen zurück – oder eben auf Familie, Schule, Peergroup. Vielleicht sind deshalb die Bloggs so beliebt, weil man dort gefahrlos Haltungen und Meinungen erproben kann, vielleicht wird deshalb zum Beispiel „Big Brother“ so gerne gesehen, weil man sich identifizieren oder absetzen kann. Wobei alle diese Angebote und Foren zwar Rollen und Bilder anbieten, aber keine Vorbilder.

Die Zeiten von Rudolf Augstein und Marion Dönhoff, von Klaus von Bismarck und Hans Abich, von Friedrich Nowottny und Ernst Dieter Lueg, von Hanns Joachim Friedrichs und Herbert Riehl-Heyse, sind – so scheint es – vorbei. Und in den vergangenen Jahren sind zudem die hartnäckigen und qualitätsbewussten Übergangsfiguren wie Fritz Pleitgen, Jobst Plog, Albert Scharf und Dieter Stolte, große Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von der öffentlichen Bühne abgegangen. Sie sind in einem Selbstbild und in einem journalistischen Zeitalter herangewachsen, und haben dort gewirkt, wo man den Medien eine normative Kraft zutraute. Man traute den Medien zu, dass sie ein ganzes Volk umerziehen; wie man ihnen zugetraut hatte, dass sie ein ganzes Volk verführen konnten. Sie sind rar geworden, die Journalisten, die man als Gewissen der Nation beschreiben könnte. Viele Journalisten verstehen sich heute als Entertainer oder Präsentatoren – die neue Moderatorin der meistgeschauten politischen Sendung in Deutschland, Anne Will, verweigert die Aussage nach einem politischen Standpunkt. Es steht die Frage offen, ob das die Politik der Unpolitischen ist oder ob das einfach der Sieg des politischen Pragmatismus über die Ideologie bedeutet. Die große Koalition der Weltanschauungen.

Wir sind heute die Generation, die sich einer Multioptionalität des Lebens und der Standpunkte verschrieben hat – und von diesem Standpunkt aus gibt es natürlich viel zu sagen. Das Gebot der Meinungsvielfalt, um eine mündige Meinungsbildung zu ermöglichen, steht höher als der parteiliche journalistische Einsatz. Parteilicher Journalismus, der vor allem in der evangelischen Publizistik propagiert wurde, gilt als ein bisschen moralinsauer und angestaubt. Stimme erheben für die Stimmlosen, Parteilichkeit für die Wehrlosen, Öffentlichkeit als Waffe gegen Ungerechtigkeit und Willkür, gegen Ohnmacht und Armut, das waren und sind journalistische Tugenden, die durch die Vielfalt der medialen Angebote zwar noch aufzufinden sind, aber sich im großen Brei nicht mehr profiliert hervorheben.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Vielfalt der angebotenen Zeitschriften und Tageszeitungen, auch die Vielfalt der Verlage noch seinesgleichen sucht, es gibt sie noch in Deutschland, die ambitionierten heimatverliebten Verleger von Lokal- und Regionalzeitungen. Zwar immer seltener, aber es gibt sie noch. Wir leben in einem Land, das – ich zitierte schon das neueste Urteil des Bundesverfassungsgerichts – an einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit einem gemeinwohlorientierten Auftrag hartnäckig festhält und es bisher auf dem heiß umkämpftesten Medienmarkt der Welt geschafft hat, dass die Zuschaueranteile immer noch zu über 40 Prozent bei den öffentlich-rechtlichen liegen. Wir leben in einem Land, in dem es deshalb viele Sendungen mit bildendem Charakter gibt, insbesondere in seinen historischen Dimensionen. Es gibt geradezu einen Boom an Sendungen mit geschichtlich-aufklärendem Charakter. Das „Dritte Reich“ ist in unendlichen Varianten zu guter Sendezeit im deutschen Fernsehen Thema, von Hitlers Helfern bis Hitlers Frauen. In den vergangenen Jahren hat es auch das lange tabuisierte Thema Flucht und Vertreibung in die Primetime des deutschen Fernsehens gebracht. Die profilierten journalistischen Vorbilder haben sich zugunsten der historischen Vorbilder zurückgezogen. Wenn man von Gewissensbildung überhaupt sprechen will, dann findet sie in den Drehbüchern der großen Spielfilme statt, in den Dramaturgien auch der großen Kriminalfilme und für den Serienseher auch in den verschiedenen Arzt- und Krankenhaus-Serien oder der „Lindenstraße“, wo Leben in seinen entscheidungsrelevanten Dimensionen immer wieder durchgespielt und vorgespielt wird.

Lassen Sie mich jetzt noch einen kleinen Ausflug in Richtung theologischer und kommunikationswissenschaftlicher Wissenschaft machen. Ich habe Ihnen versucht in einem großen Bogen die Veränderungen des Berufsprofils im Medienberuf zu schildern, dem entsprechen auch die Entwürfe auf dem Markt der Medienethik: Es gibt sie wohl, die journalistische Ethik, die sich auch in rechtliche Vereinbarungen gießen lässt. Medienethik reflektiert das moralische Handeln der Medienmacher und Konsumenten. Medienethik reproduziert nicht nur den konventionellen Verhaltenskodex, sondern reflektiert die Konventionen auf ihre Geltung und Begründbarkeit hin. Damit stellt die Medienethik folgende Fragen: Was soll veröffentlicht werden? Wie soll veröffentlicht werden? Wem sollen welche Informationen zugänglich gemacht werden? Wie verhält sich der Konsument der Information beziehungsweise der Bilder? Fragen, die im Zeitalter der individuellen Medienmacher natürlich an Relevanz verlieren: Wenn jeder veröffentlicht, ist das Urteil des einzelnen Journalisten nicht mehr so relevant. Medienethik ist also Kommunikationsethik und fragt traditionell: Was soll wie wem zugänglich gemacht werden? Doch nehmen wir zunächst zur Kenntnis, welche Fragestellungen ethischer Natur im Laufe der Jahrzehnte aufgeworfen wurden. Mit Aufkommen und Verbreitung sogenannter elektronischer Massenmedien stellen sich zunächst die Leitfragen und Zielfragen einer Medienethik: In den dreißiger Jahren – die Frage verbindet sich mit den Namen der ersten Publizistikwissenschaftler wie Hermann Boventer und Emil Dovifat – sind leitende Prinzipien der Medienethik die Demokratisierung: Medien als Garanten der Demokratie. Also die Teilhabe aller an den Medien, der Zugang und die emanzipatorische Information unter dem Hauptaspekt des Handelns des einzelnen Journalisten beziehungsweise des Medienschaffenden.

Theologisch gefasst hat dies der katholische Moraltheologe Alfons Auer. Er spricht von einer Theologie der Mitteilung: „Medien dienen der Kommunikation und werden dadurch zu Mitteln der Wahrheit und der Einheit.“ Ethisch richtig handelt demnach, wer innerhalb des Mediensystems sachgerecht handelt und die den Medien eigenen Gesetzmäßigkeiten, sowie die vorgegebenen Ziele respektiert. Es gibt also keine spezielle christliche Ethik über die den Medien innewohnenden ethischen Forderungen hinaus. Der ethische Leitbegriff allen Nachdenkens und Argumentierens dabei ist der Begriff der Menschenwürde, von dem aus sich die Mündigkeit des Bürgers, das Gemeinwohl und die Integration als Ziel des Medienhandelns ableiten. Und hier hat nach den Medientheorien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die sechziger Jahre hinein der Journalist, der Gatekeeper, der, der die Meldungen auswählt, ihre Relevanz bestimmt, eine normative und eine normierende Funktion. Der einzelne, der sich als Alleinkämpfer im Dschungel der Meinungsvielfalt etabliert hat, dient als Vorbild und als eine Art Gewissen der Nation.

Mit dem Aufkommen des kommerziellen Rundfunks, der sich über Tausender-Kontakt-Preise durch die Werbung finanziert und dessen Währung die Quote darstellt, und mit der folgenreichen Erfindung der Fernbedienung etablierte sich die sogenannte „Publikumsethik“. Auch der Zuschauer habe sich als handelndes Subjekt ethische Fragen zu stellen. Denn der Zuschauer kann sich nicht nur als passiver Konsument verstehen. Die Verantwortung des Zuschauers erstreckt sich in drei Dimensionen: Der Bürger hat eine soziale Verantwortung. Durch Mitwirkung an der Kontrolle der Medien kommt er strukturell dieser Verantwortung nach. Das sind bei den Zeitungen die Leserbriefe, das sind bei den Rundfunkanstalten die Rundfunkräte, bei den kommerziellen die Medienräte und beim Internet sind es die jetzt entstehenden Initiativen der Selbstkontrolle. Darüber hinaus gibt es eine langjährige, bewährte Medienkritik protestantischer und katholischer Institutionen. Seit fünfzig Jahren begleiten professionelle kirchenfinanzierte Einrichtungen die Medien. Der Mensch hat weiter als Privatmann Verantwortung für sein eigenes Nutzungsverhalten: Er schult sozusagen sein Gewissen selbst, in dem er bestimmt, was er konsumiert oder auswählt. Und er hat weiter Verantwortung für die Heranwachsenden in der Familie. Dabei stehen die Fragen nach Jugendschutz und Medienkompetenz im Mittelpunkt. Gegenstand einer Medienethik ist also auch das Handeln der Rezipienten, der Mediennutzer, der Zuhörer und Leser und Zuschauer. Damit betont man auch die Freiheit des Nutzers, dessen Fähigkeit zur Selbstbestimmung, dessen unveräußerliche Würde.

Die Ethik des Medienschaffenden ist also die eine Perspektive; die Ethik des Rezipienten, die in der Zeit der Individualisierung immer wichtiger wird und einen mündigen Mediennutzer voraussetzt, die andere. Ein dritter Ansatz, Medien in ihrer ethischen Dimension zu fassen, ist die Betrachtung der Mediensysteme. Menschen agieren in Mediensystemen, die eine gesellschaftliche Rolle zugewiesen bekommen haben, und darin sind sie je nach Position abgestuft verantwortlich. Ein kommerziell agierendes Mediensystem beispielsweise unterscheidet sich in seinen Vorgaben und Zielen diametral von einem öffentlich-rechtlichen. Das kommerzielle zielt auf die Werbekunden, das öffentlich-rechtliche auf Information, Unterhaltung und Bildung des Bürgers, der hier erfahren soll, was er zur Grundversorgung braucht und womit er sich in dieser Gesellschaft orientieren kann. Wie also agieren die Systeme und wer agiert auf welcher Stufe der Verantwortung in einem System?

Die letzte Perspektive, Medien und ihr Handeln zu betrachten, ist die sogenannte „kasuistische Methode“, die in den USA entwickelte Methode der Case Studies. Hier wird eine Methode entwickelt zur Beurteilung ethischer Streitfälle. Es wird gefragt: Welche Normen und Konventionen kollidieren, wenn ein Bild, ein Artikel oder eine Sendung ins Kreuzfeuer geraten? Welche Werte stehen hinter den Normen und welche Loyalitäten der Medienmacher stoßen aufeinander. Es werden Fallstudien skizziert. Case Studies bedeutet das bewusste Abwägen von widerstreitenden Loyalitäten und Normen.

In Deutschland nun spielt sich die Debatte um die Ethik der Medien in den unterschiedlichsten Institutionen ab. Da ist einmal der Deutsche Presserat mit seiner Spruchpraxis in Einzelfällen, der nach 16 festgelegten Normen agiert: Da wären zum Beispiel die Achtung der Wahrheit und der Würde, die Achtung der Sorgfalt der Recherche, die Achtung von Intim- und Privatsphäre, der Verzicht auf unangemessene Darstellung von Gewalt. Wahrhaftigkeit und Persönlichkeitsschutz sind die zentralen Grundlagen des deutschen Pressekodex – und das Mittel zur Findung und Beurteilung ist der Diskurs. Jeder Bürger kann klagen. Es findet ein Diskurs statt und dann anschließend ein Schiedsspruch.

Ähnlich agiert auch die Medienethik aus evangelischer Perspektive. Früh schon haben Theologen wie Robert Geisendörfer, Werner Hess, Helmut Thielicke und Bischof Hanns Lilje – um nur einige Namen zu nennen, die Bedeutung der Medien für die Gestaltung der demokratischen Öffentlichkeit erkannt und Systeme der Begleitung der publizistischen Einheiten von Presse bis Fernsehen entwickelt. Die Begriffe für die Funktion der Kirche im öffentlichen Diskurs changieren. Da ist – vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren – vom „Wächteramt“ der Kirche die Rede, von „öffentlicher Fürsprache“, für die, die keine Öffentlichkeit finden.

Dazu hat die evangelische Kirche Instrumente der Begleitung der Medien entwickelt. Da sind vor allem die publizistischen Organe wie epd-Film oder epd-Medien zu nennen, die als eine Art Branchendienst aus evangelischer Sicht dauerhaft das Geschehen in den Medien begleiten und die beispielsweise im vergangenen Jahr den Skandal der Schleichwerbung in den öffentlich-rechtlichen Vorabendprogrammen aufgedeckt haben. Da ist die Einrichtung der Film-Jurys und die Beteiligung an der Selbstkontrolle Film und Internet. Die Branchendienste des epd sind ein äußerst wertvollen Beitrag zur kritischen Begleitung der Medien. Sie enthalten alle Dimensionen der Medienethik, die ich oben aufgezählt habe: Die Begleitung der Journalisten in ihren Einzelentscheidungen, die Besprechung und Einordnung von Programmen und Filmen, sowie die Reflexion der Zwänge der Systeme und die Verhandlung von fraglichen Einzelfällen. Die Wahrheit ist immer konkret, meint ein Satz aus dem journalistischen Handwerkskasten. Jenseits aller Grundsätze, Normen und dogmatischer Gebäude ist dies der entscheidende Beitrag evangelischer Medienethik. Die progressive und informierte Beteiligung am professionellen Diskurs. Diese Beteiligung garantieren auch Akademietagungen zu Medienthemen, wie sie Arnoldshain, Tutzing und Bad Boll regelmäßig anbieten. Diese Beteiligung garantieren die von der Kirche entsandten Mitglieder in den Rundfunkräten und Medienräten, die sowohl die Mediensysteme, ihre Finanzierung und Programmaufsicht im Blick haben, wie auch in einzelnen Streitfällen zu entscheiden haben. Zudem existieren auch vereinzelt Bürgerforen wie zum Beispiel die Medienbeobachtung evangelischer Frauen im Frauenbund, die in Auswahl seit Jahrzehnten Fernsehprogramme beobachten, sie schriftlich beurteilen – besonders aus der Sicht der Mütter – und dies an die Programmmacher weitergeben. Diese Beteiligung garantieren weiter eine fortlaufende Anzahl von Mediendenkschriften, wie sie die evangelische Kirche – zum Teil gemeinsam mit der katholischen – in die Fachdebatte geworfen haben. Die letzte von 1997 trägt den Titel „Chancen und Risiken der Mediengesellschaft“.

Intervention und die Anstiftung zum demokratischen Diskurs auf professionellem Standard: das ist die Devise, mit der die evangelische Kirche mit ihren medienethischen Instrumenten agiert. Dazu gehört zunächst einmal das kontinuierliche Nachdenken über die Rolle der Medien in der Kultur dieses Landes.

 

Prof. Johanna Haberer,

Theologin und Journalistin, war u.a. Chefredakteurin des bayerischen Sonntagsblattes und Rundfunkbeauftragte der Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Professorin für  Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät in Erlangen 

 

 

Verφffentlicht unter
www.martin-niemoeller-stiftung.de/1/veranstaltungen/a123