Martin-Niemöller-Stiftung

Artikel vom 27. 8. 2007

" ... Dass wir die Dinge nicht kommen und gehen lassen wie sie sind ..."

von Ingrid Rumpf

Ansprache zur Verleihung des Julius-Rumpf-Preise 2007 an FIM - "Frauenrecht ist Menschenrecht"

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Wie Sie dem Programm entnehmen konnten, sind wir heute aus einem doppelten Anlass zusammen gekommen: einmal wollen wir die Initiative „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM)  mit dem Julius-Rumpf-Preis ehren und fördern, und zum anderen wollen wir – das ist die Martin-Niemöller-Stiftung e.V. und die Stifterfamilie des Julius-Rumpf-Stiftungsfonds –  unsere Stiftung heute unter das Dach der Diakoniestiftung der Hessen-Nassauischen Landeskirche stellen, um sie zukunftsfähig zu machen.

Zunächst etwas zur Zukunftsfähigkeit:

Wie hebt man Stiftungen dieser Art aus der Zeitgebundenheit der Stiftungsgründung  heraus und stellt sie auf einen Weg, der in die Zukunft weist und der auf Dauer trägt? Unsere Antwort: „Indem man sie unter das Dach der Diakonie stellt“, wie wir es heute tun. Denn was ist dauerhafter als die Diakonie? Auch wenn die Gottesdienste immer leerer werden, die Notstände in der Gesellschaft, für die die Diakonie sich zuständig fühlt, werden ganz sicher nicht kleiner. Diakonie heißt ja einfach nur Dienst. Nun ist „Dienst“ ein Begriff, in den man viel hineinpacken kann, und wenn es um kirchlichen Dienst im engeren Sinne geht, kann man durchaus darüber zu streiten, was denn da hinein gehört und was nicht. Frauenhandel und Zwangsprostitution, um die es bei der Initiative FIM geht, sind das nicht eher Aufgaben der staatlichen Justiz oder der Ausländerbehörden? Jugendinitiativen, die sich gegen eine rechte Gewaltkultur stellen, sich für Demokratie und Toleranz engagieren, bildeten in den vergangenen Jahren den Schwerpunkt bei den Preisverleihungen unserer Stiftung; ist für so etwas eine Stiftung der kirchlichen Diakonie zuständig? Wie also lässt sich im konkreten Fall erkennen, dass eine Sache Aufgabe der kirchlichen Diakonie ist und damit der Stiftungen, die sie unter ihrem Dach beherbergt?

Ich möchte Ihren Blick auf zwei Menschen lenken, deren Dienst in der Gesellschaft, deren Motivation zu ihrem Engagement eine Antwort auf unsere Frage bereithalten: Bertha Pappenheim und Dietrich Bonhoeffer. – Wie  gehören denn die zusammen, mögen Sie fragen, wenn Sie überhaupt den Namen der ersteren schon gehört haben.

Zunächst also Berta Pappenheim, 1859 – 1936: Sie ist sehr viel bekannter unter dem Pseudonym „Anna O…“, das ihr Siegmund Freud verpasst hat. Er beschrieb nämlich ihre Krankengeschichte in einer seiner frühen Schriften unter dem Titel „Studien über Hysterie“. Es sind unzählige Bücher geschrieben worden über diese Anna O… Über das zweite Leben der Bertha Pappenheim ist jedoch wenig bekannt. 1888, nachdem sie ihre Krankheit hinter sich gelassen hatte, zog sie von Wien nach Frankfurt und lebte dort 50 Jahre als engagierte Kämpferin für die „Menschenrechte“ der Frauen („Frauenrecht ist Menschenrecht“!): Sie war dort offiziell Dezernentin der Stadt für die Wohlfahrtspflege, sie spielte eine führende Rolle in der Leitung der deutschen und der jüdischen Frauenbewegung, gründete in Neu-Isenburg  ein Waisenhaus, eine Schule für Mädchenberufe und ein Heim für ledige Mütter, und – sie war Mitbegründerin des damals beginnenden Kampfes von Frauen gegen Zwangsprostitution und Mädchenhandel. Aber wer weiß das schon? Keine Straße, keine Schule in Frankfurt ist nach ihr benannt.

Um das Jahr 1900 unter den Bedingungen einer prüden und von Männern beherrschten Gesellschaft  wagte sie es, als Frau das Tabu zu brechen und öffentlich über Mädchenhandel und Zwangsprostitution und deren Ursachen zu reden und zu schreiben. Sie lehnte den damals üblichen Begriff „gefallene Mädchen“ ab, weil er suggerierte, dass die Schuld für deren Elend allein bei den betroffenen Frauen liege. Sie, diese ehemals verwöhnte Höhere Tochter, scheute sich nicht, in die Rekrutierungsgebiete der Prostitution zu reisen, um sich das Elend dort anzusehen, und sie scheute sich auch nicht, die Frauen in den schmutzigen Spelunken Galiziens, der Türkei, der Ländern des Balkans oder Südamerikas zu aufzusuchen, mit ihnen zu reden, um zu wissen, wovon sie sprach, wenn sie auf Kongressen ihre aufrüttelnden Reden hielt. (Das Problem des Mädchenhandels war damals übrigens überproportional ein Problem der Armuts- und Pogromregionen Vorderrusslands und Galiziens und damit sehr stark ein jüdisches Problem, und Bertha Pappenheim war Jüdin). Wie reagierten die Männer in den jüdischen Gemeinden angesichts ihres Rollenverständnisses und angesichts der weit verbreiteten antisemitischen Stimmung auf diese Frau, die kein Blatt vor den Mund nahm und auch die Beteiligung von Juden an diesem gesellschaftlichen Skandal öffentlich machte. Wie reagierten die Herren in Frack und Zylinder der wilhelminischen Gesellschaft, wenn da eine elegante kleine Emanze auf sie los fuhr (sie war sehr temperamentvoll und immer sehr elegant gekleidet) und sie zum Kampf gegen die Zwangsprostitution aufrief, auf  Kongressen und in Zeitungen die peinlichsten Dinge beim Namen nannte, die Schuldigen und die Schweigenden anprangerte? Sie hat sich unter den Männern kaum Freunde gemacht, nur wenige, z.B. Martin Buber, verehrten sie.

Was hat Bertha Pappenheim mit unserem Thema zu tun? Nun, zunächst und ganz nahe liegend dies, dass sie die Begründerin des Kampfes gegen Zwangsprostitution und Frauenhandel war, welcher auch das zentrale Anliegen der Organisation ist, die heute von uns den Preis aus dem Julius-Rumpf-Fonds erhält. Wichtig ist mir dabei nun Folgendes: Die Kraft, die sie trug, war ihr streng religiöses Judentum. Die Provokation für ihre Glaubensbrüder und -schwestern in den Gemeinden war der Tabubruch ihres ungeschminkten Redens, war die Grenzüberschreitung zwischen innergemeindlicher Frömmigkeit und der Übernahme von Verantwortung für sehr weltliche Dinge – eben die Aufhebung der Trennung zwischen Frömmigkeit und Politik. Die zertretene Würde dieser verkauften und betrogenen Mädchen verletzte sie tief in ihrem Selbstverständnis als religiöse Jüdin, als Frau, als Mitmensch; sie wurde zur „Stimme der Stummen“, zu einer lauten unüberhörbaren Stimme. Dass die Initiative „Frauenrecht ist Menschenrecht“, ihren Anfang nahm beim Weltgebetstag der Frauen 1980, verbindet sie mit Bertha Pappenheim und zeigt die religiösen Wurzeln der Initiative, die zu benennen wir uns nicht schämen sollten, gerade in einer säkularisierten Welt, in der wir auch andere ethische und religiöse Motivation vorbehaltlos anerkennen. Die Arbeit von FIM ist gegenüber den Aufgaben von Bertha Pappenheim und ihren Mitstreiterinnen inhaltlich etwas verschoben: es geht heute vor allem um den Beistand für die Opfer des Menschenhandels nach ihrem Ausbruch, für die der Staat nur eine Statistenrolle als Zeugen im Strafprozess vorgesehen hat. Auch in unserer offenen Bürgergesellschaft gibt es noch „einen Markt“ für dieses Geschäft, aber durchaus keinen ausreichenden Schutz – z. B. vor verfrühter Abschiebung, vor der Rache ihrer Verfolger, vor der Pein der Heimkehr. Ist die Initiative FIM   in der kirchlichen Diakonie gut aufgehoben? Kann man an ihr ablesen, was genuine Aufgaben der Diakonie sein sollten, auch in Zukunft? Befragen wir unseren zweiten Zeugen.

Dieser zweite Zeuge ist Dietrich Bonhoeffer. Er ist zum Säulenheiligen der Protestanten avanciert, und keiner kann behaupten, er bekäme nicht genügend Beachtung. Und doch gibt es ein paar Dinge, die gerne unerwähnt bleiben. z.B. dies, wie isoliert er war, selbst in der Bekennenden Kirche, wie weit er hinaus ging über dass, was die Kirche an kritischer Kraft aufzubringen gewöhnt war. Eine andere Sache, die immer wieder vergessen wird: wie früh er ausbrach aus der Glasglocke seiner gepflegten, konservativen Bürgerlichkeit. Nicht erst, als der Naziterror ihn herausforderte, nein, schon 1930/31 mitten im Ursprungsland der Demokratie, während eines Aufenthaltes in den USA geschah dieser Durchbruch in seiner religiösen Entwicklung. Da begegnete er der Rassentrennung, dem Elend, aber auch den lebendigen Gemeinden der Schwarzen z. B. in Harlem und war als Christ tief betroffen. Und – als zweite Herausforderung für sein bildungsbürgerliches Weltbild – er begegnete in dieser Zeit auch  einem kompromisslosen französischen Pazifisten, einem Vertreter des „Erbfeindes“. Er nahm diese beiden Herausforderungen an. Er entwickelt ein völlig neues Konzept von Kirche, und trug es, als er 1931 seine Lehrtätigkeit in Berlin wieder aufnahm, sofort seinen Studenten vor. Neben seiner Lehrtätigkeit betreute er damals noch die Problemkids vom Prenzlauer Berg, und sein Konfirmandenunterricht war erfüllt von den Geschichten aus Harlem; er war überzeugt, dass im Zusammensein und im Erzählen solcher Geschichten sich Kirche ereignet. Er hatte damals schon erkannt, dass die Christen die Welt nicht ihrer Eigengesetzlichkeit überlassen dürfen, dass Ungerechtigkeit nicht hinzunehmen ist und dass Krieg für Christen ein Unding ist, ein Widerspruch in sich selbst. Er riss die Grenze ein zwischen Frömmigkeit und Politik. Er plädierte für eine „Kirche von unten“, für ein „religionsloses Christentum“ wie er das nannte, für eine Hinwendung zu den irdischen Dingen: „Trachtet nach dem, was auf Erden ist!“ (formuliert er 1931 in Umkehrung eines Verses aus der Bergpredigt) und weiter in derselben Vorlesung: „…. Dass wir die Dinge nicht kommen und gehen lassen wie sie sind, dass unser Glaube wirklich nicht das Opium ist, das uns zufrieden sein lässt inmitten einer ungerechten Welt. Sondern dass wir, gerade weil wir trachten nach dem, was droben ist, nur umso hartnäckiger und zielbewusster protestieren auf dieser Erde.“ Unter dem Eindruck der Nazi-Barbarei  und der Judenverfolgung wird er verlangen, dass die Kirche den „Mund auftut für die Stummen“ und an anderer Stelle „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“. Das letztgenannte Zitat richtete sich übrigens gegen die, die mitten in der Diktatur ihr Heil in einer neuen Spiritualität suchten, in einer Erneuerung der Liturgie und in Meditation. Hier könnte man durchaus versucht sein, einen aktuellen Bezug herzustellen!

Es geht mir also heute ausdrücklich einmal nicht um den Märtyrer Bonhoeffer, ich möchte gerade an den frühen Bonhoeffer erinnern, der schon vor der Herrschaft der Nazis der Kirche eine neue Rolle, eine sehr weltliche Rolle zuerkannte. Bonhoeffers Märtyrertum ist unter den heutigen Bedingungen sicher nicht mehr die Aufgabe; die Kirche hat in jeder Phase ihrer gesellschaftlichen Existenz ihre Aufgabe neu zu definieren. Da es bei uns heute um die Aufgabe der kirchlichen Diakonie in einer demokratischen und globalen Gesellschaft geht, die gleichwohl nicht ausreichend gerecht und immer noch gewaltträchtig ist, halte ich eine Beschäftigung  mit dem frühen Wandel Bonhoeffers vom konservativen und arg kopflastigen Theologen zum gesellschaftlich engagierten und pazifistischen Christen für wichtig. Natürlich ist es derselbe, der auch zum Märtyrer wurde, aber der Grund, der ihn trug, wurde vorher gelegt. Und dies könnte auch das Fundament sein, das unsere Stiftung trägt über die Zeit hinaus. In diesen Zusammenhang lässt sich dann auch die Förderung des Aufstandes von Initiativen gegen rechte Gewalt verstehen: Christen sind verantwortlich sowohl für menschenverachtende Mentalitäten und Aktivitäten in der eigenen Gesellschaft, als auch für deren Opfer: das nennt man dann „gesellschaftliche Diakonie“. Und wenn wir uns hier im Raum darüber einig sind, dass dieses Erbe Bonhoeffers, welches auch das Erbe Martin Niemöllers und Julius Rumpfs ist, im Diakonischen Werk der Kirche von Hessen und Nassau gepflegt werden sollte, dann sind wir mit unserer Stiftung dort gut aufgehoben.

Zusammenfassend möchte ich noch einige zentrale Sätze der Präambel unserer Stiftung, die mein Mann und ich  1999 formulierten, vorlesen und sie auf das eben Gesagte hin deuten: Mit der Gründung der Stiftung verbanden wir die Absicht „zum Nachdenken über die Wege und Irrwege der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus anzuregen und die Lehren, die für das Verhältnis von Kirche und gesellschaftlicher Realität daraus zu ziehen sind, durch konkrete Förderung zu verdeutlichen: Das Liebes- und Versöhnungsgebot, die Gewaltlosigkeit und das Erbarmen mit den Schwachen, Leidenden und Ausgegrenzten stehen im Zentrum der Botschaft Jesu. Heute ist es – theoretisch (theologisch) – durchaus weit verbreiteter Konsens, dass die immer neue gottesdienstliche Zelebrierung des eigenen „Heils“ sinnentleert wird, wenn draußen vor den Kirchentüren Menschen Unrecht und Gewalt geschieht, ….  ohne dass die Christen und die verfasste Kirche dem in Wort und Tat entgegen wirken.“

Diese Sätze mit ihrer engen Anbindung an die Bekennende Kirche und an das Neue Testament – hier vor allen an die Bergpredigt – sind mir wichtig, auch  diese heute vielleicht etwas zu fromm wirkende Sprache. Mein Mann lebte noch ganz in der Tradition der Bekennenden Kirche; sein Anliegen in dieser Sprache, die auch die Sprache Dietrich Bonhoeffers und Martin Niemöllers war, bei der jeweiligen Auswahl der Preisträger neu zu lesen,  hieße nämlich, immer wieder das eigene Kircheverständnis überprüfen, immer wieder das Verständnis der Bergpredigt überdenken; denn Bonhoeffer und  Niemöller gehörten zu jenen „radikalen“ (im Wortsinn!) Christen, welche die Bergpredigt nicht weich zu spülen bereit waren, sondern sie ganz für ihr persönliches Leben ernst nahmen; daraus speiste sich ihr „weltlich“ anmutender Protest.

Zum Schluss bleibt mir noch, ein ganz persönliches Wort an die Preisträger zu richten: Ein Dank eigentlich, für Ihr Engagement, für ihre Arbeit mit diesen Frauen, mit diesen Kindern, denn auch Kinder sind davon betroffen. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Arbeit, als wir vom Beirat unserer Stiftung Sie in der vorigen Woche in Ihren Arbeitsräumen besuchten. Die Auswahl der Initiative „Frauenrecht ist Menschenrecht“ für die diesjährige Preisverleihung wurde vom Vorstand der Diakoniestiftung sehr begrüßt, und damit ist wohl klar, dass dort das eben beschriebene Konzept von kirchlichem Dienst in der Gesellschaft, von „gesellschaftlicher Diakonie“, geteilt wird, und dass die Julius-Rumpf-Stiftung dort gut aufgehoben ist.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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